Montag, 8. März 2010

Sich holen was man braucht - das Museum als Ressource

Bei meinem ersten Besuch des Landesmuseums in Zürich vor mehr als zwanzig Jahren erlebte ich in einem historischen Bürgerzimmer ein déja-vu - das diffuse Gefühl: das kenne ich, hier war ich schon.


Nach und nach wurde mit bewusst, woher. Von den Sonntagen im Haus meiner Grosseltern. Sie hatten das ehemalige Bauernhaus in den 1940er Jahren in einem schlechten Zustand billig gekauft, es bewohnbar gemacht und mit Möbeln ausgestattet, die mein Urgrossvater, ein Nachtwächter, in seiner freien Zeit geschnitzt hatte. Nach Vorlagen, die er u.a. im Landesmuseum abgezeichnet hatte.


Interessant. Haben wir hier einen Hinweis darauf, dass das Landesmuseum so benutzt wurde, wie es in der Gründungsidee 1889 vorgesehen war? Als 'eine unerschöpfliche Quelle der Belehrung und Anregung für unsere Gewerbe und Handwerke' (de Capitani)? Oder gar als 'institution in behalf of the peoples moral and social improvement' (Altick)?

Vielleicht war die Vorbildsfunktion des Museums nicht wortwörtlich gemeint. Jedenfalls durfte mein Urgrossvater nicht im Museum zeichnen. Er betrat den 'Tempel zu Ehren unserer Väter auf dem Schlachtfeld und in der Werkstatt' (de Capitani), stellte sich vor das Objekt seiner Wünsche, mass es aus, merkte sich die Formen, zeichnete sie draussen vor dem Museum auf und begab sich wieder hinein für die Kontrolle und das nächste Detail, bis er alle Angaben, die er brauchte, auf Papier hatte.

In seiner Hobbywerkstatt entstanden aus den Skizzen geschnitzte Buffets, Tische, Stabellen, Ruhebänke, Truhen, Apothekerkästchen, Leuchter, Zierleisten, Haussprüche, Türen, Fensterrahmen...


Haben die Vorbilder aus dem Landesmuseum geholfen, Urgrossvaters Arbeiterleben durch bürgerliche Kultur zu verbessern, quasi zu 'zivilisieren'? Davon habe ich nichts bemerkt. Wenn schon galt das Interesse meiner Vorfahren einer allfälligen königlichen, oder zumindest adeligen Abstammung mit Stammbaum, Ahnenbildern, Wappen. Und wenn eine solche Abstammung nicht nachweisbar war, konnte man sich wenigstens etwas adeliges Szenario für den Sonntag selber bauen. Dazu gehörte natürlich ein Thron.


Mein Urgrossvater hat das Museum so benutzt, wie er es brauchte und wie es in sein Leben passte. Es war eine Ressource zur Verwirklichung seiner Projekte. Dies entspricht ganz John Falks Modell der 'Identity Related Visit Motivation'. Damit kommt eine interessante Perspektive zur gesellschaftlichen Funktion des Museums ins Spiel: Das Museum als persönliche Ressource. Wieder ein Faden zum weiter verfolgen.


Altick, Richard D., National Monuments, in: Representing the Nation: Histories, Heritage and Museums, Routledge, 1999
De Capitani, François, Das Schweizerische Landesmuseum - Gründungsidee und wechselvolle Geschichte, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte Band 57, 2000
Falk, John, Identity and the Museum Visitor Experience, Left Coast Press, 2009

Donnerstag, 4. März 2010

Von BenutzerInnen erzeugter Inhalt

Nie hatte ich eine Ausstellung gesehen mit so viel von BenutzerInnen erzeugtem Inhalt wie die im letzten Beitrag Erwähnte zum Dia de los Muertos. In einem kleinen Raum wurde eine traditionell kurierte Präsentation davon gezeigt, wie die Totentage in Mexico gefeiert werden, mit Bildern, Artifakten und einer Installation. Ein weitaus grösserer Bereich war für Altare und Installationen von BewohnerInnen der San Francisco Bay Area reserviert. Dieser Teil war ebenfalls sorgfältig kuriert und machte nie den Endruck einer pädagogischen Übung.

Welche anderen Beispiele von 'von BenutzerInnen erzeugtem Inhalt' in Ausstellungen gibt es? Nicht viele fallen mir ein. Pinwände, wo MuseumsbesucherInnen persönliche Erlebnisse erzählen oder Kommentare abgeben. Im Bereich Kindermuseen tut sich mehr. Das Mobile Museum Sammelsurium zeigt in Workshops kreierte Kinderkunstwerke. Oder im Schubladenmuseum in Keralas Kindermuseum, eine Art Kuriositätenkabinett, stellen Kinder eigene Fundstücke aus.

Beim Begriff 'benutzererzeugter Inhalt' geht es allerdings nicht einfach um ein bisschen Platz, das in einem Museum für Besucherbeiträge reserviert ist. Es geht darum, gemeinsam Inhalte zu entwickeln, die auch für andere BesucherInnen relevant sind.

Wenn BesucherInnen miteinander über einen Ausstellungsgegenstand reden, ihr Wissen teilen, ihre Erfahrungen austauschen - ist das nicht auch benutzererzeugter Inhalt? Sie bringen etwas ein und das Gegenüber geht mit mehr als dem von der Kuratorin kontrollierten Inhalt nach Hause.

Vielleicht gibt es in Heimatmuseen (eines meiner neuen Interessengebiete) eine Art von 'BenutzerInnen erzeugter Inhalt'? Der Sammlungsbestand stammt aus dem Dorf, in dem sich das Museum befindet. Was liesse sich aus dieser Perspektive mit Heimatmuseen anfangen?

Dies war ein erstes Greifen nach einem der vielen Fäden zu Interaktion, Partizipation und Museum als Forum. Weitere Posts zu diesem Thema werden folgen.

Stiftung Kinder und Jugendmuseum / Mobiles Museum Sammelsurium

Keralas Kindermuseum

Dia de los Muertos, Oakland Museum of California

Mittwoch, 3. März 2010

Veränderung

Haben Sie das einmal erlebt - eine Ausstellung, aus der Sie als anderer Mensch herauskamen? Die Veränderung, ausgelöst durch eine Irritation, eine Provokation, eine Verunsicherung, muss nicht gross sein. Etwas im Inneren wird berührt, bewegt. Beim Weitergehen eine leichte Richtungsänderung.

Mir ist es in den 90er Jahren passiert in einer Ausstellung zum mittelamerikanischen Totenfest ‚Dia de los Muertos’ im Oakland Museum of California. KünstlerInnen, KunsthandwerkerInnen, Schulklassen und EinwohnerInnen Oaklands beteiligten sich an der Ausstellung und gestalteten vielfältige, wunderschöne Altare, mit denen sie ihrer Verstorbenen gedachten und sie nach mittelamerikanischen Brauch zum Fest einluden.










Bild Gwen Harlow


Oakland ist eine Stadt, deren EinwohnerInnen mit Gewalt konfrontiert sind. Mit dieser Ausstellung bot das Museum Raum, diese Erfahrungen zu teilen und kulturelle Ressourcen, die helfen konnten mit der Trauer umzugehen.

Diese Rolle des Museums als öffentlicher Ort des gemeinsamen Umgangs mit relevanten Themen hat mich sehr beeindruckt. Ich war damals in einer Zeit beruflicher Veränderungen, steckte mitten im Studium der Geschichte, Volkskunde und aller interessanter Themen, die gerade meinen Weg kreuzten. Zum Museum hatte ich immer noch ein verstaubtes Bild im Kopf - ein verdunkelter Raum, wo man vor allem seine Kinder ruhig halten musste. In Oakland war eine Intensität zu spüren, die ich nie zuvor in einem Museum erlebt hatte. Hier geschah offensichtlich etwas, das für die Anwesenden von Bedeutung war.










Bild Gwen Harlow


Als ich die Ausstellung verliess, wusste ich, welchen beruflichen Weg ich einschlagen wollte. Das Museum als öffentlicher Raum für die gemeinsame Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen – in diesem Bereich tätig zu sein war etwas vom Spannendsten, das ich mir vorstellen konnte.

Mehr als zehn Jahre später ist die Faszination geblieben. Mit diesem Blog möchte ich Themen aufgreifen, die mit Ausstellen und Gesellschaft zu tun haben: Partizipation, Interaktivität, soziale Objekte, das Museum als Forum. Schreiben ist zwar nicht mein bevorzugtes Ausdrucksmittel, aber doch ein nützliches Werkzeug zum Austauschen von Gedanken. Ob ich mir die Zeit dazu werde nehmen können? Einen Versuch ist es allemal wert.