Bei meinem ersten Besuch des Landesmuseums in Zürich vor mehr als zwanzig Jahren erlebte ich in einem historischen Bürgerzimmer ein déja-vu - das diffuse Gefühl: das kenne ich, hier war ich schon.
Nach und nach wurde mit bewusst, woher. Von den Sonntagen im Haus meiner Grosseltern. Sie hatten das ehemalige Bauernhaus in den 1940er Jahren in einem schlechten Zustand billig gekauft, es bewohnbar gemacht und mit Möbeln ausgestattet, die mein Urgrossvater, ein Nachtwächter, in seiner freien Zeit geschnitzt hatte. Nach Vorlagen, die er u.a. im Landesmuseum abgezeichnet hatte.
Interessant. Haben wir hier einen Hinweis darauf, dass das Landesmuseum so benutzt wurde, wie es in der Gründungsidee 1889 vorgesehen war? Als 'eine unerschöpfliche Quelle der Belehrung und Anregung für unsere Gewerbe und Handwerke' (de Capitani)? Oder gar als 'institution in behalf of the peoples moral and social improvement' (Altick)?
Vielleicht war die Vorbildsfunktion des Museums nicht wortwörtlich gemeint. Jedenfalls durfte mein Urgrossvater nicht im Museum zeichnen. Er betrat den 'Tempel zu Ehren unserer Väter auf dem Schlachtfeld und in der Werkstatt' (de Capitani), stellte sich vor das Objekt seiner Wünsche, mass es aus, merkte sich die Formen, zeichnete sie draussen vor dem Museum auf und begab sich wieder hinein für die Kontrolle und das nächste Detail, bis er alle Angaben, die er brauchte, auf Papier hatte.
In seiner Hobbywerkstatt entstanden aus den Skizzen geschnitzte Buffets, Tische, Stabellen, Ruhebänke, Truhen, Apothekerkästchen, Leuchter, Zierleisten, Haussprüche, Türen, Fensterrahmen...
Haben die Vorbilder aus dem Landesmuseum geholfen, Urgrossvaters Arbeiterleben durch bürgerliche Kultur zu verbessern, quasi zu 'zivilisieren'? Davon habe ich nichts bemerkt. Wenn schon galt das Interesse meiner Vorfahren einer allfälligen königlichen, oder zumindest adeligen Abstammung mit Stammbaum, Ahnenbildern, Wappen. Und wenn eine solche Abstammung nicht nachweisbar war, konnte man sich wenigstens etwas adeliges Szenario für den Sonntag selber bauen. Dazu gehörte natürlich ein Thron.
Mein Urgrossvater hat das Museum so benutzt, wie er es brauchte und wie es in sein Leben passte. Es war eine Ressource zur Verwirklichung seiner Projekte. Dies entspricht ganz John Falks Modell der 'Identity Related Visit Motivation'. Damit kommt eine interessante Perspektive zur gesellschaftlichen Funktion des Museums ins Spiel: Das Museum als persönliche Ressource. Wieder ein Faden zum weiter verfolgen.
Altick, Richard D., National Monuments, in: Representing the Nation: Histories, Heritage and Museums, Routledge, 1999
De Capitani, François, Das Schweizerische Landesmuseum - Gründungsidee und wechselvolle Geschichte, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte Band 57, 2000
Falk, John, Identity and the Museum Visitor Experience, Left Coast Press, 2009
Montag, 8. März 2010
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